Ich-Perspektive schreiben: Das fällt der Lektorin auf
Inhalt
Die Ich-Perspektive gilt als einfachste Wahl. Spoiler: Sie ist es nicht. Sie ist die Perspektive, die am schnellsten zeigt, ob der Text handwerklich sauber geschrieben ist.
In diesem Artikel
Kernaussage: Perspektive ist mehr als „ich“.
Ich zeige dir, was viele falsch machen und was Profis wissen.
Für wen?
Für dich, wenn du:
- Merkst, dass trotz Ich-Perspektive keine Nähe entsteht
- Nicht weißt, welche Perspektive du wählen sollst
- Die Ich-Perspektive gewählt hast, weil sie am einfachsten ist
Was „Perspektive wählen“ wirklich bedeutet
Die klassischen Kategorien (auktorial, personal, Ich) beschreiben, wer spricht. Hier wird selten „formell“ etwas falsch gemacht. Die Grammatik stimmt, die Intention ist klar und die Zeitform ist konsistent. Aber das ist nicht das, woran Texte scheitern.
Lektoratsblick zur Einführung:
Wer darf in dieser Szene welche Informationen haben, und wie gelangen diese Infos in den Text?
Wer spricht und wer nimmt wahr?
Für den Anfang reichen drei Zustände.
- An der Laterne: Die Wahrnehmung bleibt auf der Straße und beobachtet.
- Auf halber Strecke: Die Wahrnehmung ist sowohl in der Figur als auch draußen.
- In der Figur: Die Wahrnehmung sitzt in der Figur.

Ich-Perspektive: Nur in unserer Figur
Gute Ich-Perspektive ist nicht ‚ich‘ im Satz, sondern sie beantwortet die Frage, wo deine Wahrnehmung sitzt. Wenn du auf Lektoratsseiten das Wort „Fokalisierung“ liest, ist übrigens genau diese Wahrnehmung gemeint.
Nähe entsteht aber nicht durch ein Pronomen, sondern durch zwei Dinge:
- Der Text bleibt ehrlich innerhalb dessen, was die Figur wissen kann.
- Die Wahrnehmung der Figur ist spezifisch.
1. Fallstrick: Abkapselung
„Ich sah an seinem Gesicht, dass er Angst hatte.“
Warum fällt mir das auf?
Lektoratsblick:
„Sah“ ist Füllmaterial: Natürlich sieht die Figur das Gesicht, sonst könnte sie es nicht beschreiben. Dies gilt für alle Sinne. Es reicht, ein Geräusch zu beschreiben „Ein Schuss vs Ich hörte einen Schuss“.
Angst ist eine fertige Diagnose. Die Figur weiß das aber nicht, sie interpretiert es.
Als Lektorin frage ich dann nur: Woher weiß sie das so sicher?
Wenn die Figuren sich sehr gut kennen, kann es passen. Wenn nicht, schreibe ich es als Anmerkung auf.
So wirkt es sofort sauberer (ohne umständlich zu werden)
Statt Diagnose → Evidenz:
Hier rappelt es gewaltig in der Klischeekiste, also Vorsicht bei der Wortauswahl. Wenn du die Interpretation brauchst, gib sie als Unsicherheit:
2. Fallstrick: Was unsere Figur wahrnimmt aka der Tourguide
Wie Manuskripte nicht anfangen sollten:
„Ich saß am Strand von Rio, im Osten Brasiliens und sah meine beste Freundin, die ich seit dem Kindergarten kannte, mit den roten Haaren auf mich zu kommen.“
Oder:
„Ich sammelte die Müslireste von unserem Eichentisch auf. Den hatte mir mein Mann, der als Anwalt in der größten Strafkanzlei Hamburgs arbeitet, vor zwei Jahren zu Weihnachten geschenkt, weil ich ihm erzählt hatte, dass mich diese Farbe an meinen verstorbenen besten Freund erinnert.“
Oder:
„Wenn ich an ihn dachte, raste mein Puls. Ich bekam keine Luft mehr …“
Was ist das Problem? Nicht, dass Orientierung oder Gefühle falsch wären. Die Figur spricht nicht, weil sie gerade etwas erlebt, sondern um mich zu informieren. Über Beziehungsnetzwerke, Besitzverhältnisse oder Zeit und Raum. Diese Ebene existiert aber nicht.

Lektoratsblick:
Wenn du deine Figur für diesen Informations-Transport nutzt, machst du aus ihr einen Tourguide. „Zu ihrer Rechten sehen Sie mein Beziehungsnetzwerk und wenn Sie nach links schauen, werfen Sie einen Blick auf meine Körperfunktionen.“
Der einfache Test
Frag dich bei jedem erklärenden Satz: Würde die Figur das in dieser Sekunde wirklich denken?
Oder möchtest du für deine Leserschaft etwas einordnen?
Was Profis stattdessen machen
Sie geben Informationen als Konsequenz einer Sache.
Du möchtest zeigen, dass deine Figur eine Stupsnase hat und blaue Augen?
Kontaktlinsen brennen → Augen werden gerieben → Mascara verschmiert → Gespräch kippt, Spiegel wird in die Hand genommen.
Wenn die Figur eine Operation hatte und nun ein neues Gesicht, ist das ebenfalls plausibel genug, sie vor einen Spiegel zu stellen.
Ist es ein gewöhnlicher Morgen und die Figur steht nur ein einziges Mal in der gesamten Geschichte vor dem Spiegel und beschreibt sich? Dann nicht.
Die Kunst besteht darin, Situationen zu erschaffen, in denen die Figur die Informationen preisgibt (sagt, denkt, handelt), die du transportieren möchtest.
3. Fallstrick: Zwei Ichs in einem
Wenn du im Präteritum erzählst, hast du zwei Ebenen:
Erlebendes Ich = steckt in der Szene (damals).
Erzählendes Ich = blickt zurück (heute).
Viele glauben, es bremse Spannung, weil klar ist, dass die Figur „überlebt“. In der Praxis ist das selten das Problem. Die meisten Geschichten drehen sich nicht um das „Ob“, sondern um das Wie.
Wer im Präsens erzählt, beraubt sich dieser Möglichkeit. Es gibt gute Gründe, sich für die Gegenwart zu entscheiden; mangelnde Spannung durch das „Überleben der Figur“ ist es in der Regel aber nicht.
„Wenn ich heute an diesen Vormittag denke, sehe ich zuerst den Kaffee auf dem Tisch. Nicht, weil er wichtig war, sondern weil ich damals noch glaubte, dass sich eine Katastrophe ankündigt, bevor sie zuschlägt.“
Lektoratsblick:
Das ist rückblickend. Es verspricht, dass etwas geschehen wird, aber wir wissen nicht, was. Wir wissen nicht, was die Konsequenzen sind oder was für das „Überleben“ geopfert wurde. Das kann sehr stark sein, wenn du es sparsam dosierst.
Wie Profis Ich-Perspektive „gewinnen“ lassen (und was du davon übernehmen kannst)
Gib dem „Ich“ eine eigene Szene.
Ein perfektes Popkultur-Beispiel ist Elle Woods in Natürlich blond.
Elle Woods ist das typische Blondchen, das sich für Beauty interessiert. Die Geschichte bringt sie dazu, sich in Harvard einzuschreiben, um ihren Ex-Freund zurückzugewinnen und zu beweisen, dass sie „Ehefrau-Material“ ist. Der Höhepunkt ist, dass sie als Studentin im Gerichtssaal steht und ihre Mandantin (Lebensgefährtin des Mordopfers) verteidigen muss. Es gibt hunderte Möglichkeiten, so eine Szene aufzubauen, aber vermutlich nur eine, die Elle Woods gerecht wird.
Die Zeugin schildert eine Abfolge wie aus dem Drehbuch: Sie sei nach ihrer Dauerwellenbehandlung nach Hause, habe geduscht, keinen Schuss gehört und sei dann ins Wohnzimmer gegangen. Dort habe sie ihren Vater tot vorgefunden und die Angeklagte blutüberströmt daneben gesehen. Eine Waffe habe sie nicht wahrgenommen.
Bis hierhin ist das für den Saal „normal“: Aussage gegen Aussage, Details, Timing.
Was Elle als Erste ernst nimmt
Elle bleibt an einem Detail hängen, das für alle anderen wie Smalltalk klingt: Dauerwelle.
Sie fragt nach, ob die Zeugin regelmäßig eine Dauerwelle macht. Die Umstehenden werden ungeduldig, weil es „irrelevant“ wirkt.
Der Perspektiv-Move: Beobachtung → Regel → Schlussfolgerung
Elle baut keinen Monolog über Haare. Sie macht etwas viel Stärkeres: Sie nutzt eine Regel aus ihrem Wissensgebiet, um die Aussage zu testen.
Beobachtung: Die Zeugin behauptet, nach der Behandlung direkt geduscht zu haben.
Regelwissen (Beauty): Nach einer Dauerwelle sollten Haare nicht sofort nass werden, sonst leidet das Ergebnis.
Schlussfolgerung: Wenn die Zeugin wirklich unter der Dusche war, hätte sie heute keine Locken mehr. Wenn die Zeugin in ihrem Leben bereits dreißig Dauerwellen hat machen lassen, müsste sie die Regel kennen.
→ Also stimmt mindestens ein Teil der Aussage nicht.
→ Wenn die zeitliche Abfolge nicht stimmt, kippt das Alibi.
→ Und wenn das Alibi kippt, wird eine andere Erklärung plausibel.
Das führt in der Szene dazu, dass die Zeugin ausweicht und dann zusammenbricht. Nicht, weil Elle „cool argumentiert“, sondern weil ihre Logik eine Lücke aufreißt. Die Leute, die sie vorher belächelt haben, hören plötzlich zu.
Warum das so ein gutes Vorbild für Ich-Perspektive ist
Diese Szene funktioniert nicht, weil Elle Glück beim Raten hat. Sie funktioniert, weil die Geschichte ihr Wissen vorher etabliert hat. Es ist die Konsequenz dessen, wie sie die Welt wahrnimmt.
Lektoratsblick:
Wenn die Lösung auch jede andere Person im Raum hätte finden können, ist die Perspektive verschenkt.
Wenn die Lösung nur diese Figur finden kann, weil nur sie so denkt, dann ist die Perspektive richtig eingestellt.

„Schreib über das, was du kennst“ ist hier möglicherweise ein Schlüsselmoment. Die Szene ist so stark, weil sie für dieses Wissen und diese Wahrnehmung vorher belächelt wurde. Jetzt punktet sie damit.
Fazit: Ich-Perspektive
Wenn dein Manuskript jetzt bei mir auf dem Tisch läge und ich nur eine Sache aus dem Bereich Perspektive lektorieren dürfte, würde ich die Gerichtsszene von Elle Woods suchen. Die eine Szene, in der deine Figur den Tag rettet und dabei ganz in der eigenen Wahrnehmung bleibt. Ob das eine Motivationsrede ist, ein genialer Plan, der den Casinoüberfall rund macht, das Zusammensetzen der Spuren oder die Liebeserklärung.
